Das Projekt und seine Geschichte

Mit jenem Anruf am Abend des neunten November 2004 fing alles an. Ob ich Zeit dazu hätte, mit meiner Widelux Berliner Alltagsszenen in Schwarz-Weiß zu fotografieren, für die Wochenendbeilagen der Berliner Zeitung. Ein Foto pro Beilage als eigenständige Rubrik ohne Text. Für acht Ausgaben, höchstens für neun. Es eilt!

Am Morgen darauf legte ich los, lieferte abends die Filme ab und hielt drei Tage später, über fünf Spalten gedruckt, den ersten meiner „Berliner Blicke“ in der Hand.

Den Lesern gefielen meine Fotos und so wurden aus neun Ausgaben 213. Der letzte „Berliner Blick“ erschien am 27. Dezember 2008. Vier Jahre und zwei Monate hatte ich ohne Aussetzer mein wöchentliches Foto abgeliefert. Mitunter in allerletzter Minute, denn wenn man seine Fotos nicht inszeniert, ist man auf das angewiesen, was der Zufall einem beschert. Im richtigen Moment muss man an der richtigen Stelle sein und darf nicht träumen. Auch Glück gehört dazu.

Quer durch alle Stadtbezirke hatte ich das Tun und Treiben auf den Straßen, den Plätzen und in den Parks fotografiert. An die Ufer und Strände von Spree und Havel war ich gezogen, in die Kaffees, Bars und Kneipen, die Krankenhäuser, Museen und Theaterfoyers. Ich richtete meine Kamera auf Junge, Alte, Frauen, Männer, Arme, Reiche, Berliner, Zugereiste und Touristen. Wie sie sich verhielten interessierte mich und wie sie miteinander umgingen.

Fertig bin ich damit noch immer nicht; seit bei der Berliner Zeitung Schluss ist, mache ich im eigenen Auftrag weiter.

2008 zeigte ich meine Fotos zum ersten Mal in einer Ausstellung, 2009 erschienen sie als Essay in der Broschüre „Berliner Zukünfte“, 2010 erhielt ich vom Kulturwerk der VG Bild Kunst eine Projektförderung und war beim 4. Europäischen Monat der Fotografie vertreten.

Im Jahr darauf zog ich mit der Überblicksausstellung Frank Silberbach Berliner Panoramafotografien 2004-2011 zum ersten Mal Bilanz. Dazu hatte ich aus 21.000 Negativen 73 ausgewählt und vergrößert. Der Fotohistoriker Dr. Enno Kaufhold bezeichnete in seiner Eröffnungsrede die Ausstellung als ein riesiges Berliner Sittenbild.

Um ein breites Publikum zu erreichen und den Facetten von BERLIN 140° eine gemeinsame Plattform zu geben, richtete ich im Anschluss an die Ausstellung diese Website ein. Meine Fotografien reihe ich hier dem Lauf der Jahreszeiten folgend aneinander, so dass mit der Zeit aus vielen kalendarischen Jahren ein imaginäres Jahr entsteht.

Am 6. Juni 2013 fand im Berliner Luftraum die Uraufführung von BERLIN 140° zum Sehen & Hören statt, einer Adaption von Stummfilm mit Klavierbegleitung. Ich projizierte meine Bilder und Christoph Schlemmer begleitete die Projektion auf dem Schlagzeug mit 92 Stücken, die er eigens dafür komponiert hat.

Seit dem 9.September 2013 gibt es BERLIN 140° auch als Buch. Erschienen ist es in der Edition Braus. Thomas Brussig hat das Vorwort beigesteuert und Frank Wonneberg hat die Gestaltung besorgt. Die Auswahl und Abfolge der Fotos stammen von mir. Es sind 79 Stück und alle sind doppelseitig im Duplex Verfahren gedruckt.